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DIESSEN – Samstagabend in Diessen: Droben auf dem Kirchenberg läuten die Glocken zur Andacht – drunten in der Fischerei fangen Riesenschellen höllisch laut zum Scheppern an. Von allen Seiten strömen die Menschen auf den Untermüllerplatz. Jeder versucht, den besten Platz zu erhaschen und nie habe ich in 30 Jahren Heimatjournalismus so viele Menschen fotografieren sehen. Alle wollten das Ereignis festhalten und möglichst viele Bilder und Filme vom Bleiboch Pass in teuflischer Aktion erhaschen. 12 Tamperer, zwei Glockinger, drei Fellteufel und eine Hex sind schließlich rund 500 Diessnern gegenübergestanden und haben sich für eine Show Platz geschaffen, die bis dato am Ammersee einmalig war. Chef der wilden, furchterregenden Truppe hat seine Heimat Langkampfen zwischen Kufstein und Wörgl in Tirol mit dem Landkreis Landsberg vertauscht, ein Diessener Mädel geheiratet und lebt jetzt in Rott. Was er aber nicht in seiner tirolerischen Heimat zurückgelassen hat, ist das Peaschtln laffa – der Perchtenlauf. Ein von Überlieferung, Geschichten, Magie, Mystik und Grausen begleiteter Brauch, den es seit Jahrhunderten vorwiegend in Tirol und im Salzburgischen gibt. „Geisteraustreiben“, erklärt Mathi den Hintergrund, in den er buchstäblich hineingeboren wurde. „Der Opa, der Vater, der Bruder leben in der Region Kufstein. Aufgewachsen auf einem Bauernhof zwischen Angerberg und Breitenbach ist das Peaschtln laffa so fest verankert, wie bei uns das Trachteln.

Was Furcht einflößt und teilweise grauenvoll ausschaut, sind Gruppen von zehn und mehr Menschen, die in der lichtarmen Jahreszeit, vor allem zwischen 5. und 6. Dezember unterwegs sind in ihren Dörfern. Da ist dann der Krampus dabei und der Nikolaus, erzählt Mathi, dass das zwei wichtige Feiertage sind in der Region Kufstein und alle „Passen“ rund um die Uhr unterwegs sind. „Wir treten mindestens viermal am Tag auf und zeigen, was wir in Diessen auch präsentiert haben.“

Und das waren sportliche Höchstleistungen. Immerhin verdoppeln die Aktiven einer Passe ihr Gewicht. Allein das ausladende Maisblätter-Gewand der Tamperer wiegt um die 80 Kilo, es wird – wie alles andere auch – von Hand gemacht, „zwei Gwänder pro Jahr können wir anfertigen, für mehr reicht die Zeit nicht.“ Dazu kommen Schellen, Trommeln und das, was den meisten Menschen Furcht einflößt oder Grausen: Die Holzmasken und Felle. Vogelwild, hochwertig geschnitzt und mit Farbe gefasst, gelten sie auch als kostbare Schnitzarbeiten, die aber weder verkauft noch verhandelt werden. „Wir machen das alles selber“, berichtet Mathi. Außerdem gäbe es noch spezielle Gerbereien, Maskenschnitzereien und Stoffhersteller (die müssen heutzutage feuerfest sein), ein eigener Gewerbezweig in Tirol, „der gut leben kann.“

Mathi, der ab seinem zehnten Geburtstag schon im Gwand gesteckt ist, erzählt auch, dass er zwar regelmäßig „reinfährt“, weil er ja der Chef vom Bleiboch Pass ist, aber auch viel „draußen“ in Rott im Carport arbeitet. Da wundert sich dann schon manch ein Passant, was da für sonderbare Dinge entstehen. Die kann man nicht überall sehen, weil Mathi bisher mit seinem Pass vorwiegend im eigenen Land auftritt. Ein paarmal waren sie schon auf „Tournee“ zum Beispiel hatten sie einen Auftritt auf dem Wiener Opernball. „Wir haben viele Anfragen, auch aus Deutschland und wir bekommen viel Geld angeboten, aber das können wir uns gar nicht leisten“, schmunzelt er, weil sie das von ihrem Brauchtum entfernen würde.

Was der Bleiboch Pass in Diessen zeigte, war weit entfernt vom normalen Peaschtln laffa. „Es hat schon Show-Charakter“, räumt Mathi auf Anfrage ein, dessen Handschrift die Auftritte prägen. Einmal vor allem seine mit Schauspiel-Elementen vermischten Szenen als Hex‘, die nach jämmerlichem Flehen in Flammen aufgeht. Die Schrittfolgen und Trommler der Tamperer bauen ebenfalls auf einer festen Choreografie auf.

Spannend war es, als sich die Tamperer, Glockinger und Fellteufel an der Fritz-Winter-Straße einkleideten, was ein stundenlanger Aufwand ist und zahlreiche Helfer benötigt. Kaum bewegungsfähig, wurden die Tamperer in einem Lkw-Aufleger mit Traktor amerikanischen Zuschnitts in die Fischerei gefahren. Die Helfer hievten sie aus dem Lkw und setzen ihnen vor den Augen des Publikums ihre Grusel-Masken auf. Didaktisch geschickt gemacht, weil kein Kind Angst hatte. Sie wussten ja, wer sich unter den Holzmasken verbirgt – und viele warten stolz, dass sie den Mathi – „das ist der beste Kämpfer“ - kennen.

Spannend auch der Hexentanz im und mit dem Feuer, reichlich versehen mit Show- und Akrobatik-Effekten, die ständigen Trainings bedürfen und einer gewaltigen Geschicklichkeit angesichts tonnenschwerer Ausstattung. „Deshalb sind die meisten vom Bleiboch Pass sehr jung und ich werde auch nicht jünger und denke ans Aufhören“ kündigt der 33-Jährige an. Selbstverständlich werde er dem Pass treu bleiben und somit seinem heimatlichen Brauchtum, „als Trainer, Gewandanfertiger, Handwerker, Organisator, Ideengeber …“ auch künftig zur Verfügung stehen.

Text Beate Bentele


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