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100 Jahre Götzfried auf dem „Unterbräu“ oder „Wennst koa groß´Bier vertragst, dann kommst wieder, wennst as vertragst!“


Verfasst von Dr. Alfred Böswald 2008
Gabi und Franz Götzfried
Festredner Alfred Böswald und seine Bettelmusikanten

Verehrte diverse Honoratioren der Marktgemeinde Diessen am Ammersee, Liebe geladene, diesseits und jenseits der weiß-blauen Grenzen beheimatete Gäste, Verehrte Busen-, Leib- und Magen-, echte und wahre-, Stammtisch- und sonstige Freunde, Liebe gern, aber auch immer seltener gesehene Verwandtschaft, und freilich – verehrtes Wirtsehepaar Gabi und Franz Götzfried, das am heutigen Tag ein gar seltenes Jubiläum feiern darf, nämlich: 150 Jahre alt ist das Haus, der Unterbräu, 100 Jahre auf den Tag genau besitzt die Familie Götzfried den Unterbräu, 85 Jahre gibt es die königlichen Kaltenberger Biere beim Unterbräu und 15 Jahre auf den Tag genau sind Franz und Gabi Götzfried Wirtsleut´ im Unterbräu! Als mich Gabi und Franz vor zwei Monaten an einem lauschigen Sonntagabend nach dem dritten Bier gefragt haben, ob ich mir vorstellen könnte, mit meinen „Bettelmusikanten“ zum heutigen Jubeltag aufzuspielen, habe ich ohne nachzudenken „Ja“ gesagt. Als dann der Franz aber gar nicht mehr aufhören wollte, diverse hochprozentige Spirituosen aus eigener Herstellung auszuschenken, die ich „unbedingt noch probieren müsse“, hab´ ich mir schon gedacht, dass da noch was hinterher kommen würde. „Moascht, Du kannterscht uns zum Hundertsten red´n?“ Franz hatte seinen ganzen Charme in diese dezente Anfrage gelegt. „Wia red´n?“ war meine nicht minder intelligente Gegenfrage. „Ja, mei“, Franz hatte rote Bäckchen, die jetzt noch ein wenig röter wurden: „Oana muaß doch ebbs sogn; Und da hätt´mer uns denkt…!“ Wenige Wochen später trafen wir uns wieder an einem Sonntagabend zum Schwelgen in hundert Jahren Erinnerung über, das, worüber ich heute also die Ehre und ganz ehrlich auch die Freude habe, erzählen zu dürfen – nicht nur wie ein Chronist, sondern auch wie ein Erzähler es eben tut – das meiste ist wahr, vieles ist witzig und irgendwie alles ein wenig wehmütig. So wollen wir heute also den 100. Geburtstag einer Wirtsfamilie feiern. Aber da der Arbeitsplatz einer Wirtsfamilie ein Wirtshaus und nicht die Landesbodenkreditanstalt ist, möchte ich Sie alle bitten, immer dann mit mir Ihre Gläser zu erheben, wenn ich Sie dazu durch einen Trinkspruch auffordere. Denn was wäre eine königlich-bayerische Wirtschaft, wenn darin nicht ordentlich getrunken werden würde. Trinkspruch: Es liebt der Fisch den Ammersee, es liebt die Kuh den grünen Klee, es liebt das Girlie ihren Boy, doch Diessen liebt - den Unterbräu! Prost! „Es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit vor anno 14. In Bayern gleich gar. Damals hat noch Seine Königliche Hoheit der Herr Prinzregent regiert, ein kunstsinniger Monarch. Denn der König war schwermütig. Das Bier war noch dunkel, die Menschen warn typisch; die Burschen schneidig, die Dirndl sittsam und die Honoratioren ein bisserl vornehm und ein bisserl leger. Es war halt noch vieles in Ordnung damals. Denn für Ordnung und Ruhe sorgte die Gendarmerie und für die Gerechtigkeit das Königliche Amtsgericht.“ Ja, es war eine liebe Zeit in Bayern, ganz so, wie sie Georg Lohmeier im Vorspann zum „Königlich Bayerischen Amtsgericht 1969 textete. Von 1886 bis 1912 regierte der Prinzregent Luitpold, und für die Bayern war dies eine Zeit des Friedens, deshalb wirklich eine „guade, alte Zeit“. Genau in dieser Zeit, sechs Jahre vor dem durch den Größenwahn eines Preußen namens Wilhelm II. mit verursachten ersten Weltkrieg, erstand am 1. Juli 1908, also heute genau vor hundert Jahren, Franz Götzfried aus Mörgen bei Eppishausen im Allgäu und seine ihm angetraute Karoline Götzfried, geborene Scharpf aus Irsee für 40.000.- Reichsmark (das sind nach heutiger Kaufkraft etwa ca. 320.000.-€) das Haus in der Fischerei Nummer 143, heute Mühlstraße 36, auf dem die so genannte „Bierbraugerechtigkeit“ war, also das Privileg des Bierbrauens und Ausschanks. Dieses Haus hieß seit 1856 „Unterbräu“. Aber richtiges Bier gebraut wurde hier erst vor genau 150 Jahren, als nämlich der damalige Besitzer, der Maurermeister Anton Enzensberger das Haus so umbaute, wie es heute quasi noch steht. Damals gab´s das Wohnhaus mit Gastwirtschaft und das Bräuhaus. Das Wohnhaus mit Bräustüberl ist noch die heutige Stub´n, die Wohnung und die Fremdenzimmer, und im Brauhaus sitzen heut´ die Gäste – nämlich im Saal. Franz Götzfried, der Bräu also, braute seinerzeit ein Dunkles, ein Märzen und ein Helles. Bezahlt hat man ihm dafür 20 Pfennig für die Maß. Bei einem Stundenlohn für einen Arbeiter von 30 Pfennig entspricht dies heute übrigens ca. 5,80 € für die Maß Bier. Woraus wir schließen können, dass der Franz 2008 beim Hellen nicht teurer ist als der Franz 1908. 1910 dann erschütterte ein Sakrileg die Prinzregentenzeit: Der Staat begann zum Ausbeuter zu werden und führte in Bayern eine allgemeine Einkommenssteuer ein. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die Brauerein den Verkaufsbierpreis für die Wirte von 20 auf 22 Pfennig erhöhten. Es kam zum wichtigsten Ereignis des neuen Jahrhunderts: Zum legendären Bayerischen Bierstreik! Um den Anwesenden zu verdeutlichen, was diese schamlose Bierpreiserhöhung für die durstige Bayernseele 1910 bedeutete, hier ein kleiner Auszug aus einem Bericht im Laberboten bei Hofkirchen: „Veranlaßt durch das Bestreben einiger naheliegenden Brauereien und Wirte, den 22 Pfennig Bierpreis allen Ernstes durchdrücken zu wollen, hatte sich vergangene Woche hier ein Bierstreikkomitee gebildet. Es wurde beschlossen, heute Sonntag eine große 20 Pfennig Bier-Huldigungs-Feier bei seinem Mitglied Gastwirt Oberecker in Penk bei Bayerbach abzuhalten. Der Bierstreikführer gab bekannt, daß am Sonntag, den 8. Mai eine große öffentliche Bierkriegsversammlung abgehalten wird, wo Referent C. Laur aus Salching über das Thema sprechen wird: „Warum und wie ist eine Bierpreiserhöhung zu bekämpfen?“. Ferner forderte derselbe die Bierstreiker auf, kein 22 Pfennig Bier mehr zu trinken, die Wirtschaften mit 22 Pfennig Bier Ausschank zu boykottieren, diejenigen Wirte, welche den 20 Pfennig Preis beibehalten, aber kräftig in jeder Weise zu unterstützen, auch dann noch, wenn die anderen Wirte wieder auf den 20 Pfennig Preis zurückgehen sollten, damit uns diese Wirte bei einer späteren Bierpreiserhöhung wieder gesichert seien, was einstimmig beschlossen wurde.“ Das Bierstreikkomitee beschloß eigens noch, daß die Bauern der ganzen Umgegend diesen Wirten ihren ganzen Hausbedarf an Bier auf einige Jahre zusichern müssen, so daß diesen Wirten ein großer Hektoliterverbrauch zugesichert sei. Für nächsten Sonntag beschlossen die Bierstreiker, eine große Maifeier beim Kammermeier-Wirt bei 20 Pfennig Bier abzuhalten.“ Wir wissen nicht, ob der Franz Götzfried 1910 den Bierpreis auf 22 Pfennig angehoben hat, aber wir wissen, dass es zu allen Zeiten offensichtlich ein Grundrecht der Menschen in Bayern war, sich ein paar frische Maß leisten zu können. Respekt vor den streitbaren Mannsbildern 1910, die in den Bierkrieg gezogen sind und übrigens gewonnen haben – das Bier wurde nur vereinzelt teurer! Und Respekt vor unserem Wirtsehepaar, das uns heute noch einen Bierpreis unter 6 € für die Maß Bier anbietet. Trinkspruch: Im Bundestag sitzt mancher Lehrer, im Landtag mancher Stuhlbeschwerer. Bei dem, was dort wird ausgegoren, ist Hopfen und auch Malz verloren! Prost! Der Bierausstoß bei Franz und Karoline im Unterbräu muss jedenfalls sehr gut gewesen sein, denn 1912 hat Franz seine Brauerei modernisiert, um noch mehr Bier im „Unterbräu“ brauen zu können. Aber nicht nur das Dunkle Bier des Bräu scheint ein besonders gutes gewesen zu sein, auch seine Speisekarte konnte sich damals schon sehen lassen: Auf einer Menukarte jener Jahre findet sich z.B. folgender Menuvorschlag: Hirnsuppe Ochsenfleisch mit Gemüse oder Rehschlegel mit Kartoffel Eis Man bedenke, dass der Stundenlohn bei 30 Pfennig lag. Somit läge der Preis für das gleiche Menu heute bei umgerechnet 36 €, was vielleicht in anderen Diessner selbsternannten kulinarischen Tempeln vorstellbar, beim Unterbräu aber gänzlich undenkbar wäre. Der Schweinsbraten kostete damals übrigens 80 Pfennig, also umgerechnet 24.-€ – unfassbare Preise – aber umso erstaunlicher, dass sich die Menschen das damals geleistet haben. Man hat damals sein Wirtshaus noch gepflegt, geachtet: Es gab halt kein Fernsehen, kein Internet, kein Freizeitüberangebot, vor allem aber keine Vereinsheime. Jede Gemeinderatssitzung hat im Wirtshaus stattgefunden, das dörfliche Leben spielte sich an den Stammtischen der Honoratioren und Bürger ab, ja, man muss es ein wenig wehmütig sagen: Um 1912 war die bayerische Wirtshauswelt noch in Ordnung! Umso abrupter kam das Ende für den brauenden „Unterbräu“: 1915 beendete nämlich Franz die kurze Brautradition auf dem Haus, auch die Ochsen und die Landwirtschaft gab er auf. Grund dafür war wahrscheinlich die Malzkontingentierung im 1. Weltkrieg, auch die Futterknappheit für das Vieh im Stall und natürlich der Krieg selbst: Franz musste einrücken! Aber er hatte wahrscheinlich den bierseligen Aloisius zum Schutzengel, der ja bekanntermaßen im Himmel für den Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur Fürsprecher ist. Denn Franz kehrte aus dem Krieg unversehrt zurück, arbeitete fleißig und war – was für eine unglaubliche Energieleistung - mit dem Kriegsende 1918 schuldenfrei. In zehn Jahren hatten er und seine Karoline mit Bier, Braten und Bauernschläue eine für damalige Verhältnisse riesige Geldsumme erwirtschaftet und erspart und zum Schuldenabzahlen hergenommen. Und zu aller Freude hatte ihm seine Karoline am 20.06.1918 auch noch einen Sohn geboren, Franz Götzfried den Jüngeren, der spätere legendäre Red-Fränz, der somit vor wenigen Tagen seinen Neunzigsten gefeiert hätte, wäre er noch unter uns. Alles schien sich prächtig zu entwickeln: Aber Franz der Ältere hatte sich zu früh gefreut, viel zu früh, wie sich herausstellen sollte! 1919, ein Jahr nach Kriegsende wurden ihm nämlich von der Obrigkeit Kriegsreparationen aufgebürdet: 40.000.-RM – Franz Götzfried war nach elf Jahren Hausbesitz so hoch verschuldet wie zuvor! Wenigstens tröstete ihn die Geburt seiner Tochter Rosa 1920 über die politische Ungerechtigkeit hinweg. Leider nicht sehr lange, denn schon 1923 starb das kleine Mädel an Diphtherie, damals noch eine gefürchtete und nicht selten tödlich endende Krankheit. Und dann auch noch die Inflation im Jahr 1923 – Erspartes ging verloren, Rücklagen wurden wertlos, Armut! Jetzt kostete der Liter Bier im Unterbräu übrigens je nach Tageskurs plötzlich zwischen 550 und 700 Mark. Die Folgen des verlorenen Kriegs schlugen mit aller Wucht zu Buche. Der Bräu aber war ein Stehaufmanderl und schmiedete Pläne gegen die Verzweiflung: So schloss er im gleichen Jahr den Bierliefervertrag mit der Schlossbrauerei Kaltenberg ab, um sich jedenfalls die Bierlieferungen zu sichern, die er für sein Wirtshaus brauchte. Denn in guten Zeiten trinken die Menschen das Bier gegen den Durst, in schlechten Zeiten gegen die Traurigkeit! Nach Einführung der Rentenmark 1924 ging es beim ideenreichen Bräu emsig weiter: jetzt verkaufte er den idyllischen Unterbräukeller südöstlich vom Metzgerweiher. Dort lagerten von 1864 bis 1915 im kühlen Tuffstein die Fässer des Unterbräu, umgeben von Eisschollen, die im Winter aus dem Ammersee gebrochen wurden. Außerdem war es ein beliebtes Ausflugslokal gewesen, so wie alle Bierkeller in Diessen. In Franken gibt es diese Tradition übrigens heute noch: Dort geht man auf den Keller und genießt das Lagerbier der Kleinbrauereien. In Diessen ist diese Tradition längst Vergangenheit, wie so vieles…! Vom Erlös seines Unterbräukeller baute Franz jedenfalls die heutige Küche aus und legte die Terrasse an, den Platz also, auf dem wir heute uns alle so gemütlich eingefunden haben. Offensichtlich hatte der geschäftstüchtige Allgäuer geahnt, dass immer mehr Gäste vor allem aus München den See und die plötzlich ein romantisches Image bekommende Fischerei besuchen wollten, nicht mehr so sehr die Gegenden ums Kloster und St. Georgen. Ja, geschäftstüchtig waren sie schon alle, die Götzfrieds, ganz gleich ob rein- oder rausgeheiratet! Und damit allen das Wasser im Mund zusammenläuft, werfen wir wieder mal einen Blick in die Speisekarte von 1926: Portion Ente mit gemischtem Salat 2,20 Mark Filetbraten mit Reis 1,40 Mark Gefüllte Schweinsbrust mit Salat 1,30 Mark Renke gebraten mit gem. Salat 1,30 Mark Eine Maß Bier: 0,35 Pfennig Vielleicht wieder zum besseren Einschätzen: 1926 betrug der Stundenlohn eines Arbeiters 93 Pfennige, das Kilo Fleisch kostete 2,50 Mark und 10 kg Kartoffeln 80 Pfennige. Folglich kostete die Renke umgerechnet 12.-€, ebenso die Schweinsbrust, der Filetbraten war bei 12,50€ und die Portion Ente bei 21.-€. Die Maß Bier lag demzufolge bei 3.-€. Im Verhältnis zu heute wirklich günstig! Aber wir alle wissen, dass die Wehen der Nachkriegszeit den nächsten großen Krieg schon im Ansatz erkennen ließen. Und so musste Franz zum zweiten Mal „einrücken“, diesmal nach Frankreich 1940 bis 1944. Gute Freunde muss er gefunden haben in Frankreich, denn nach Kriegsende bekam er jedes Jahr einen Waggon Rotwein aus der Provence – womit die Tradition der Weinliebhaber des einen oder anderen Mitglieds der Wirtsfamilie im Unterbräu beginnen sollte… 1944 aus dem Krieg zurückgekehrt, war es dem Bräu nun endlich möglich, die Reparationsschulden abzubezahlen. 36 Jahre nach dem Erwerb des Hauses in der Mühlstrasse war die Familie Götzfried endlich schuldenfrei! – dachten sie! Durch das Lastenausgleichsgesetz vom 21. Juni 1948 wurden ihnen erneut 40.000.-DM Lastenausgleich auferlegt: Diejenigen, die durch den Krieg kein Vermögen, vor allem keine Immobilien verloren hatten, mussten die Hälfte ihres Vermögens in den Lastenausgleichsfond einbezahlen, in 120 vierteljährlichen Raten, also verteilt auf 30 Jahre. Der alte Schuldenstand der Götzfrieds war der neue! Das hinderte Karoline übrigens nicht, sich im Kramerladen Hermann am Marienplatz regelmäßig zehn Schnapspralinen zu kaufen, was der gestrenge Ehegatte ob seiner Sparsamkeit freilich nicht wissen durfte. Man muß ihn schon bewundern, diesen zähen Götzfried aus dem Allgäu: Er hat einfach nicht aufgegeben, hat neue Ideen entwickelt, z.B. jene, für die Sommerfrischler Fremdenzimmer herzurichten und damit neue Einnahmequellen zu erschließen. In den fünfziger Jahren geschah dies. Und das muss man sich dann so vorstellen, dass die ganze Wirtsfamilie in einem Zimmer lebte, der Rest wurde vermietet. Aber das war damals wie heute recht egal: Das wahre Leben einer Wirtsfamilie spielt sich nicht in einem Wohnzimmer auf einer gemütlichen Couch oder im Lehnsessel ab, sondern in der Wirtsstube, zwischen hungrigen und durstigen Gästen – Sonntag wie Montag, Weihnachten wie Ostern, vor oder nach einer Europameisterschaft, so war es und so wird es bleiben! Langsam jedenfalls begann sich die neue Generation der Götzfrieds zu formieren: Am 5.5.55 – man beachte das Datum! – heiratete nämlich Franz II. die Augsburgerin Emma Miller, die ihm am 11. März 1957 eine Sohn Franz III. und am 15. September 1958 eine Tochter Rosl gebar. Für Franz I. ging langsam der Weg auf dieser Erde zuende. Er schaute auf ein sehr bewegtes Leben zurück und auf ein schaffensreiches zumal. Und als er 1960 neunundsiebzigjährig starb, hatte er sein Haus bestellt, den Lastenausgleich früher als notwendig gewesen abbezahlt: Jetzt war die Familie wirklich schuldenfrei, die Generation nach ihm hatte seine Sorgen nicht mehr! Für kurze Zeit war Karoline Besitzerin des Unterbräu, ehe auch sie im Alter von 79 Jahren 1965 das Wirtshaus in der Fischerei für immer verließ: Den Gründern der Götzfried-Dynastie in Diessen einen Trinkspruch: Trinkspruch: Zwei Schwaben zogen aus nach Diessen, dank ihrer wir hier dies genießen, drum diesen Schluck in ihrem Sinne, auf Götzfried Franz und Karoline! Prost! Nach dem Tod der Mutter ging der Unterbräu in den Besitz von Franz II. über, und mit ihm sollte sich das Bild des Unterbräu deutlich verändern – nicht nur optisch, sondern vor allem die Persönlichkeit des kantigen, listigen, manchmal derben, intelligenten und bauernschlauen, humorvollen, unangepassten, konterrevolutionären Red Fränz sollte 33 Jahre Unterbräu prägen! Wie gesagt begann er schon 1963 mit optischen Veränderungen: Ihm verdanken wir die Lüftlmalereien an der Fassade des Unterbräu, wobei man die Entstehung dieser feinen Bilder schon ein wenig genauer beleuchten muss, weil darin schon sehr genau erkennbar wird, was der Red-Fränz für einer war: Er bestellt den Maler Wastl Wirsching, lässt diesen sein Gerüst aufbauen und stellt ihm dann eigenhändig eine Kasten Bier hinauf. Kaum ist der durstige Kunstmaler die Leiter hinaufgekrabbelt, nimmt der Franz ihm die Leiter weg und sagt: „Am Abend kriegst die Loater wieder. Vorher kimmst Du da nimmer runter! Sauf dei´ Bier und mal!“ Letztöich war´s dem Wastl auch egal, solange ihm der Bräu den täglichen Kasten Bier brachte. Aber darauf konnte er sich sowieso verlassen, weil verdurstet ist beim Red Fränz nie einer! So verdanken wir einem durstigen Maler und einem listigen Wirt die schönste Fassade der ganzen Fischerei! 1962 – ein Jahr vorher - kam es im Unterbräu zu einer Begegnung der besonderen Art, die ich erwähnen möchte, weil sie so bezeichnend für das Wesen des neuen Wirts ist. Im Unterbräu traf man nämlich wie in ganz Diessen immer häufiger auf Künstler, Literaten, Spinner und Extravgante: Diessen in den Sechziger und Siebziger Jahren war vielleicht der schillerndste Ort ganz Bayerns, vom Münchner Stadtteil Schwabing mal abgesehen. So logierte 1962 in den Wintermonaten Januar bis März ein Mann namens Günter Bruno Fuchs im Unterbräu, der zurückgezogen in seinem Zimmer wohnte, wirre Texte schrieb, dabei viel, ja sehr viel Bier und Schnaps trank, so viel, dass man getrost feststellen darf, dass er jeden Tag mehrfach betrunken war, sein Delirium erlebte! Jener Günter Bruno Fuchs war ein freier Berliner, 34-jähriger Schriftsteller und - Vollalkoholiker. Wie er sich den Aufenthalt beim Bräu finanzierte, ist nicht ganz klar, allerdings weiß man, dass Fuchs sich als Clown Geld verdiente, ebenso als Gelegenheitsgraphiker. Irgendwie wird er schon zu Geld gekommen sein! Gut denkbar ist aber auch, dass dem Red Fränz die Diskussionen mit dem Mann aus der preußischen Hauptstadt einfach gut gefallen haben und er ihm deswegen viel Kosten nachließ. Das gab´s beim Franz nämlich sehr wohl, aber nur, wenn das eine „Type“ war, die den Horizont von Franz im Gespräch erweiterte. Franz war sehr großzügig, wenn er den Menschen am Stammtisch interessant fand. Und interessant war an Fuchs, dass er die Regierung Adenauer hasste, die kapitalistische Raffgier des aufkommenden Wirtschaftswunders verteufelte, politisch zwischen Kommunist und Anarchist angesiedelt war. Der Red Fränz hatte ihm quasi politisches Asyl gegeben! Dieser Günter Bruno Fuchs schreibt also drei Monate an einem Buch, das dann im gleichen Jahr im Hermann Luchterhand Verlag als Gedichtbändchen mit dem Titel „Trinkermeditationen“ herauskam. Er schickt es spät dem Wirt, erst nach sieben Jahren erinnert er sich wohl an den Unterbräu, in dem ein ganz seltsames Stück deutscher Literatur entstanden ist. In seiner Widmung schreibt Fuchs dem Red Fränz Folgendes: Berlin, Mai 1976 Lieber Herr Götzfried, hier schicke ich Ihnen die eigenartigen Notizen eines eigenartigen Trinkers namens Fuchs, die er vor 7 Jahren aufschrieb und von 2 Freunden ins grafische Bild umsetzen ließ. Der große Durst, der den seiltanzenden Menschen in dieser lieblichen Welt bisweilen überfallen kann, gibt uns gnädigerweise diesen und jenen Einblick in unsere Umwelt und zeigt uns im guten oder schlimmen Rausch, wo die Canaillen und die Freundlichkeiten zu finden sind. Haben Sie allen Dank! Ihr Günter Bruno Fuchs Heute gibt es in Berlin einen Günter Bruno Fuchs-Preis, seine ersten Bücher werden im Antiquariat sündhaft teuer verkauft, wovon er selbst freilich nichts mehr hat: Fuchs starb nur 49-jährig 1977 in Berlin an Leberzirrhose! Damit man sich vorstellen kann, was dieser Günter Bruno Fuchs da im ersten Stock des Unterbräu in Dießen in kalten Wintermonaten verbrochen hat, hier eine kleine Kostprobe seiner „Unterbräuer“ Trinkermeditationen: delirium aus meinen gläsern säuft die uhr sich voll. der stundenzeiger weiß nicht, ob er torkeln soll. die plüschgardine hat sich umgebracht. ich bin der staub, der neben ihr leichte wacht. ich bin das tier im vertigo. der schatten dort und seine kralle. hyänenfüße lichterloh. gehn ihren doppelgängern in die falle. und meine angst im federbett bekleidet dürftig ein skelett. das hebt den kopf und will bewundert sein und nennt mich tapfres schneiderlein. aus meinem sofa quillt hervor das pferdehaar mitsamt spiralen. und reiter poltern durch den korridor, die arme teufel an die wände malen. Warum erzähl ich das? Weil es bei allen Anekdoten wichtig ist, den Bräu der Jahre 1960 bis 1993 nicht nur als Schlitzohr und geschäftstüchtigen Wirt zu sehen, sondern vor allem auch als ein Unikum, der Menschen mochte, die anders waren als die Masse. Franz II. war ein echtes Original, von denen es in Diessen einmal so viele gab. Wo sind die denn heute? Es gibt sie nicht mehr, weil sie nicht erwünscht sind in einer langweiligen Gesellschaft der immer Korrekten und Mittelmäßigen! Langeweile, Mittelmaß, spießige Korrektheit war nie die Welt des alten Bräu, und diese Durchschnittsmenschen mochte er auch nicht! Und: Das hat er diesen auch ins Gesicht gesagt, wie manche Politiker noch wissen dürften! Aber dieser alte Bräu hatte auch einen ausgeprägten Sinn für abgedrehten Humor und Hinterlistigkeit: Mit dem dritten Kind Christian, der am 20. Februar 1969 zur Welt kam, war für Franz II. die Familienplanung abgeschlossen und er konnte sich voll und ganz dem Wirtshaus zuwenden, und wie! Zentrum seiner Ansprachen ans Volk, seiner hochpolitischen Belehrungen und vor allem seiner unwiderruflichen Entscheidungen war ein Platz: Der Stammtisch am Kachelofen in der Stub´n! Saßen hier noch in den fünfziger Jahren die Totengräber, die prinzipiell das Bier oben hinein und am Hackelstecken entlang wieder hinausfließen ließen, wohlgemerkt unter den Tisch, nicht ins Pissoir, so kristallisierte sich nun das „Hoaße Eck“ heraus, der Vorgänger der Moosdapper! Hier wurden Wetten ausgeheckt, Gerüchte gezielt ausgedacht und in Umlauf gebracht. Und wenn einer dem Franz zu dumm geworden ist, dann hat er ihn vorne zur Eingangstür hinausgeworfen. Allerdings sind die meisten dann hinten wieder rein, was dem Franz dann aber völlig gleichgültig war. Hauptsache, er hatte sie hinausgeworfen, nachdem sie bezahlt hatten. Wenn dann einer meinte, er müsse von neuem eine Zeche machen, war das dem Franz grad so recht, als ob dieser ein völlig neuer Gast gewesen wäre. Unvergessen ist jene Geschichte am „Hoaßn Eck“, als sich mitten im Hochsommer bei 30 Grad im Schatten die Herren des Stammtischs in Wintermäntel und mit Pudelmützen am Kachelofen versammelten, dicke Zigarren rauchten und den Franz den Ofen einschüren ließen, bis er glühte. Die Fenster wurden von außen zugenagelt, damit ja kein Lufthauch in die Stub´n kommen konnte. Hereinkommende Sommerfrischler ergriffen sofort die Flucht, weil sie meinten, in einer Irrenanstalt denn in einem Gasthaus gelandet zu sein. Drinnen ächzte und stöhnte das Gebälk vor lauter Hitze und der Zigarrenrauch lag wie dichter Nebel über den hochroten Köpfen der Stammtischbrüder. So etwas hat dem Franz gefallen: Es konnte ihm gar nicht verrückt genug sein! Oder etwa die legendären Moosdapperbälle! Der, von dem heute noch alle sprechen, ist die Ölbohrung im Saal, als der Flicker, der Scheck, Franz jun. und der Bruckner Bibi den Holzboden im Saal des Unterbräu (natürlich nach vorheriger monatelanger Planung am „Hoaßn Eck“ unter Federführung von Franz sen. wirklich aufbohrten und einen Bohrturm installierten, der mit einem 50l Bierfass bestens gefüllt im Moment des Treffens auf Öl alias Bier mit einer irrsinnigen Fontäne von Bier und Schaum den ganzen Saal nebst aller Gäste durchweichte, dass es eine wahre Freude war! Und als dann beim gleichen Spektakel der Ries Hansi mit scharfen Messern eine Kropfoperation am Hals vom Bockel durchführte, dessen Gurgel vorher für die Besucher unsichtbar bestens mit Spaghetti mit Tomatensoße präpariert war, kam es zu einer Massenhysterie der besonderen Art: Hansi operierte und holte die rote Masse aus dem Kropf des armen Opfers hervor und schlang dieses gallertartige Etwas vor den Augen der immer grüner im Gesicht werdenden Anwesenden genüsslich hinab – da verließen die Besucher scharenweise des Saal und würgten und schluckten, was das Zeug hielt, so speiübel war ihnen geworden. Einer aber konnte vor lauter Lachen das Bier nicht mehr im Glas halten – der Red Fränz! Das mochte er, die Leut´ richtig für dumm verkaufen! So hat er zum Beispiel 1977 ein Gerücht in Umlauf gesetzt, dass er den Unterbräu zu einem Drive In umfunktionieren wolle: Er hat den völlig verzweifelten Stammtischbrüdern von seinen Plänen erzählt, die er auch schon bei der Baubehörde eingereicht habe. „Schade, dass sie mir die Unterführung zwischen Küche und Stammtisch wieder aus dem Plan gestrichen haben“, sagte er, „das hätte mir gerade noch gefehlt!“ Oder als er im Zuge der Vergaragierung der Fischerei aus dem Unterbräu eine einzige Garage machen wollte – zumindest tat er so, sehr zum Entsetzen der Stammtischler, denen er in den schillerndsten Farben ausmalte, dass da, wo sie eben noch säßen, demnächst ein toller Schlitten sein Öl verlieren würde, er aber hervorragende Einnahmen aus diesen Garagenvermietungen erzielen würde. Ende der achtziger Jahre ging der Stern eines anderen Mannes im Unterbräu auf, den der alte Franz sehr geschätzt hat: Rainer Metzger sen.! Der Rainer war ein ausgesprochen lustiger Mann, Kaminkehrermeister, durstig und fleißig und ausgestattet mit einem fantastischen Organisationstalent. Dank Rainer wurde nach dem Auszug der Moosdapper in die nahe gelegene Gifthütt´n aus dem Moosdapper Stammtisch der sagenumwobene „Stammtisch Unterbräu“, der seine Wochenplanung nach den Bekanntgaben des Stammtischpräsidenten, des „Präse“ Rainer Metzger, legte. Wer da am Sonntag nicht den richtigen Zeitpunkt erwischte, der fand sich schon mal in der dritten Reihe wieder, denn an einem anderen Tisch nahm man nicht Platz. Franz gab dem Metzger Rainer vollkommene Handlungsfreiheit, weil er wusste, dass er sich auf ihn verlassen konnte: An einem Frühschoppen am Sonntag ist da locker mal ein Hektoliter Bier und mehr verputzt worden: Vom Doc, Gregor, Hajo, Hoechste, Noack, Charles, Blaschek, Platte, Stoani und wie sie alle geheißen haben. Und auf diesen Stammtisch konnte der Bräu sich verlassen, weil die ihre Feste bei ihm durchführten: Rauschende Geburtstage, oder das Entleeren der Stammtischsau, deren Inhalt dann in Speis und Trank umgewandelt wurde. Höhepunkte aber waren die Kehrausfeste des „Stammtischs Unterbräu“ mit dem von mir selbst als jungem Zuagroaßten ins Leben gerufenen, getexteten und vertonten Kehrausbrett´l: Tränen lachen hat man ihn da gesehen, den Red Fränz, weil er es doch so gern gehabt hat, wenn die anderen, aber auch er selbst, derbleckt worden sind: Der damalige Biervernichter Knausi, oder der immer schweißtriefende Stoani, der permanent betrunkene Rechtsanwalt und seine Frau, die zwei Streithansel der besonders bayerischen Art Salat und Riecke, der bei Ausflügen an Gedächtnisschwund leidende Doc – der Stammtisch sang und spielte sich selber, die Episoden eines Jahres wurden zu einem einzigen Rausch der Pointen auf die Spitze getrieben und endete im totalen Spaß: Fast einhundert Besucher waren es, die da zusammengepfercht - wohlgemerkt in der Stub´n, nicht im Saal feierten und sangen: Die maskierte fast neunzigjährige Mutter von Heini Seelos ebenso wie der ruhelos hin und herlaufende Wacki oder der ohrenbetäubend lachende Kammerl Walter. Und mittendrin, in maximaler Verkleidung, einer Luftschlange um den Hals, der Red Fränz. Und wenn dann Der Ernst Beppi auf seinem Akkordeon „Johnny hat Heimweh nach Hawaii“ anstimmte, dann wurden die Augen des Bräu nass und er dachte an seine Jugend als Schiffskoch zurück, an die Weite des Meeres und an die Ferne! Gastronomisch war der gelernte Koch ein ausgesprochenes Filou: So hat er einmal dem Heinz Krämer aus Oedekoven bei Bonn, der seit vier Jahrzehnten in Diessen Urlaub macht, eine Sulz serviert, deren untere Seite schon leicht angeschimmelt war. Auf die Frage, was das solle, antwortete er dem „Preiß´n“: I hab Dir die Sulz extra so ang´richt, dass man´s essen kann. I schaug ja auch net untern Rock vo Deim Weib, wenn i wissen will, obs guat ausschaugt!“ Oder auf die Beschwerde eines Gastes, dass es eine Sauerei sei, dass die gebratene Bauernente noch Federn habe, hat er gesagt: „Nix zum Fresen dahoam haben, aber bei mir s´Maul aufreißen!“ Legendär auch seine Reaktionen auf besondere Gästewünsche: „Was mogscht? A kloans Bier? Wennscht koa groß´ Bier vertragst, dann kommscht wieder, wennscht as vertragst!“ Versteht sich von selbst, dass er dem Gast gar nichts serviert hat, bis der entweder gegangen ist oder aber die Halbe akzeptiert hat. Klar war sein Urteil zu allen Zeiten über die Diessner Politiker: „Hab i recht?“ hat er mit einem versonnen Lächeln im Gesicht gefragt: „Viel Wind und wenig Fahrt!“ Und keiner hat ihm widersprochen! Eine ordentliche Buchführung, wieviel man getrunken hatte, gab es beim alten Bräu übrigens nie: Er machte keine Striche und bonnierte nie etwas Die Rechnung war ganz einfach: Du wolltest zahlen, dann kam er zu Dir und hat gefragt: „Was hascht´n ghabt?“ Dann sagte man eine Zahl, zum Beispiel „drei“ (für drei Halbe). Dann kam seine nächste Frage: „Wann bischt´n rei?“ Darauf überlegte man kurz und sage eine Uhrzeit z.B. „um Simme!“ Dann schaute der Bräu zur Uhr an der Wand – es war Neun Uhr. „Na sans zehn Mark“, was gleichbedeutend war für vier Halbe. Und die han man dann auch anstandslos bezahlt, weil der Bräu pro halbe Stunde eine Halbe gerechnet hat. Und so ganz sicher war man sich dann halt doch nicht, ob es nicht doch vier statt drei Halbe waren. Seine Kinder lernten alle gestandene Berufe: Die Rosl wurde Köchin, der Christian Koch und der Franz ein Braumeister, womit doch tatsächlich seit Franz I. wieder ein richtiger Brauer im Unterbräu lebte, was sich später noch denkwürdig auszahlen sollte…! Dieser Franz III. hatte inzwischen geheiratet, nämlich am 21. Januar 1983 (man beachte das Datum des so typischen Hochzeitsmonats!). Gabriele Herrmann war die Auserwählte, und für die Familie Götzfried keine Unbekannte: Denn schon vor dem 2. Weltkrieg hatte die Großmutter von Gabi, Magdalena Herrmann beim Unterbräu in der Küche gekocht, womit sich einige Jahre später eine weitere Tradition fortsetzen sollte, nämlich die einer Herrmann in der Küche des Bräu! Schon sechzehn Monate später, am 15. April 1984, war der Red Fränz Opa: Zwar kein Stammhalter Franz IV., aber dafür eine süße Enkeltochter Anna bekam er, für die der Lotter Charles einen gewichtigen Paten abgab. Eigentlich war die Rosl als neue Wirtin auf dem Unterbräu vorgesehen, da der Franz in Kaltenberg eine recht gute Position als Brauer hatte. Aber als sie in Wiesbaden ihren Thomas kennenlernte, musste der viel belesene Soßen- und Suppenliebhaber Franz Götzfried III. in die Fußstapfen der vorangegangenen Franzen treten und wurde am 01.07.1993 der neue Bräu: Eine Ära ging zuende und eine neue begann! Aber vorher: Auf den alten Bräu „Gott hab ihn selig“ einen Trinkspruch, der seinem eigenen Mund entsprungen sein könnte: Trinkspruch: Der liebe Gott weiß viele Sachen, der Bundeskanzler mancherlei. Darüber konnt´ der Bräu nur lachen: Denn alles weiß der Unterbräu! Prost! Mit der Übergabe des Unterbräu an Franz III. und seine Frau Gabi am 1. Juli 1993 kamen zwei Wirtsleut in die Mühlstraße, die vorher in Diessen ihr Können bewiesen hatten: Gelang es ihnen doch, das heruntergekommene Sportlerheim an der Jahnstrasse in eine gut gehende Goldgrube zu verwandeln. Franz an der Schank und im Service, Gabi in der Küche – das Team hatte rasch einen hohen Bekanntheitsgrad und nach ihnen mühten sich alle anderen Wirte im Sportlerheim vergebens, an deren Erfolg anzuknüpfen. Gut, in einem Punkt musste man sich bei den beiden im Gegensatz zu allen anderen Götzfriedschen Wirtsehepaaren schon umstellen: Jetzt hatte Gabi die Hosen an, dafür aber der Franz wenigstens die Schank fest im Griff. Und das ist ja bei einem Wirtshaus allemal wichtig! Die neue Chefin Gabi freilich änderte einiges im Unterbräu: So waren ihr die Kartenspieler am Freitagnachmittag ein Dorn im Auge, da diese die Stubn in ein Little Las Vegas verwandelten. Und ganz legal war das auch nicht immer, was da bei den Oberzockern aus Dießen wie Zuckerer, Bosche, Mocka oder Wacki über den Tisch ging. Sie spielten ihr letztes Herz sticht und wanderten dann ins Sportlerheim zu den neuen Wirtsleuten aus – ausgespielt eben! Nach und nach veränderte sich auch das Gesicht des Stammtischs – mal waren es diese, mal waren es jene, die mehr oder weniger am „hoaßn Eck“ das Sagen hatten. Dafür gab es immer den Tisch der Dießner „Gschaftlhuber“, die, wenn es nach ihnen gegangen wäre, die Politik ganz allein vom Bräu aus regiert hätten: Der Rauscher Sigi und der Weingärtner Hartmut, beide schon im Paradies beim Brandner Kaspar zuhause, waren da ebenso Originale, wie es der Negus und der Ringmeier heut´ noch sind. Allerdings hatten alle – Stammtischler wie Gäste – sich daran zu gewöhnen, dass sich die Küchenöffnungszeiten bei der neuen Küchenchefin deutlich veränderten: Wer nach 20.00 Uhr noch allzu großen Hunger verspürte, dem war sein knurrender Magen nicht selten sicher. Im legendären „Diessner Wirtshauslied“ in der mittlerweile ebenso schon legendären „Grantlernacht“ ist Gabi dafür entsprechend ausgesungen worden. Es spricht aber für ihren Humor, dass sie es gerade war, die dieses Lied immer wieder als Zugabe forderte, weil es halt ihr Lieblingsspottlied auf die Diessner Gastronomie war. Hut ab! Nachdem der Unterbräu ein ausgezeichneter Bayerischer Gasthof geworden war, begann der Franz langsam aber sicher die Ader seines schelmischen Vaters bei sich zu entdecken: Im Verbund mit dem nicht minder schelmischen Hans Rieß jun., dem Flicker und anderen subversiven Nachtschattengewächsen der Fischerei entwickelte er die abstrusesten Ideen für noch abstrusere Feste: Fulminant dabei das „Tischspringbrunnenfest“, bei deren Präsentationsabend das Dießner Journalisten-Duo Beate und Gerhard dermaßen von der Feuchtigkeit der Springbrunnen durchnässt wurden, dass ihr Kopf erst Tage später das einigermaßen vernünftige Verfassen von Zeitungsartikeln in deutscher Sprache zuließ. Außerordentlich mutig auch die Arabische Nacht, bei der liegend und rauschend die Menschenleiber in Knäuel verstrickt im Dunst der Jakabulloschen Wasserpfeifen von einem Delirium ins nächste glitten. Oder die alle Pinakotheken dieser Welt in den Schatten stellende dadaistische „Wrgl-Ausstellung“, bei der es Exponate aus der Wrgl-Epoche von namhaften Wrgl-Künstlern zu bestaunen gab. Böse Zungen behaupten, dass die Familie Lösche damals ernsthaft darum gebangt hat, den Töpfermarkt noch jemals an den See zu bringen, so groß war der Besucherandrang im Wrgl-Museum alias Unterbräu. Von besonderer Individualität zeugte auch die vom Franz III. ins Leben gerufene „Gebrauchtchristbaumversteigerung“ mit der Kapelle „Krach und Fürchterlich“. Wer diese exquisite Form der infantilen Nonsenszelebration noch nie erlebt hat, sei auf den Vorverkauf für die nächste Gebrauchtchristbaumversteigerung hingewiesen, der irgendwann sicher beginnt, damit demnächst geplant werden kann, oder umgekehrt – je nach Laune der Veranstalter! Für mich war aber der absolute Höhepunkt aller Feste im Unterbräu der Neuzeit der 50. Geburtstag von Franz III., zu dessen Feierlichkeiten er sich zum wiederholten Male hinreißen ließ, ein eigenes Bier zu brauen. Begonnen hatte Franz diese wunderbare Tradition zum 18. Geburtstag seiner Tochter Anna 2002, als er erstmals nach 87 Jahren im Unterbräu wieder ein Selbstgebrautes ausschenkte. Aber was er am 50. den Gästen servierte, hatte einen besonderen Charakter, den ich einfach „götzfriedisch“ nennen möchte: Als ich mit meinen Musikanten so gegen 18 Uhr die Stubn betrat, saßen da schon lauter selige Gesichter, glänzend und rötlich um die blauen Nasen, spiegelnde Augen, wunderbar! Rein sprachlich waren diese Herren kaum mehr zu verstehen, weder der Gesandte seiner Majestät des Prinzen, noch diverse Stammgäste, später seine königliche Hoheit daselbst, und natürlich – ganz plötzlich und schlagartig – der Jubilar ebenso. Als ich dann als Bruder Gabriel die Laudatio auf unseren jungen Fuchzger halten durfte, konnte ich mich zeitweise des Lachens nicht mehr erwehren, so putzig sahen diese ausgewachsenen zwei Zentner Mannsbilder teilweise aus, die da voll der Freude und des Hellen Geburtstagsbocks an den Tischen saßen. Einer sucht noch heute sein Übergewand, andere freilich suchen jede Erinnerung an den Abend – und dies alles dank eines fulminanten Bockbieres unseres Braumeisters und Wirts. Darauf, dass mit Franz III. die Braukunst wieder Einkehr in den Unterbräu gehalten hat, sollten wir einen kräftigen Trinkspruch erschallen lassen: Trinkspruch: Der Franz der Dritte braut wie keiner! Kein Bayrisch Bier als seins ist feiner! Genieß es, denn es macht dich jung: Löscht jegliche Erinnerung! Prost! Liebe Freunde des Unterbräu, meine Reise durch 100 Jahre Götzfried auf dem Unterbräu geht langsam zu Ende. Nachdem Franz II. am 10. November 2005 den irdischen Unterbräu für immer verlassen hatte, heiratete zwei Jahre später seine Enkeltochter Anna den Hotelier Martin Brink. Den hat der Red Fränz nicht mehr richtig kennen gelernt. Aber gefallen hätte er ihm schon, da bin ich sicher, so geschäftstüchtig wie der Martin ist! Jedenfalls endet die Geschichte der Götzfrieds auf diesem geschichtsträchtigen Haus vorläufig mit einem äußerst freudigen Ereignis: Denn am 1. Juni 2008 war es endlich so weit: Die Dynastie lebt weiter und eine Ahnengallerie findet ihre Fortsetzung: Anna gebar dem Unterbräu einen – Richtig, einen FRANZ! Franz der IV. Julian ist 3.900 Gramm schwer – also nur ungleich schwerer als sein Großvater – gesund und munter in die Welt des Unterbräu getreten und soll – da sind sich alle einig – eines Tages die Dynastie der Franzen in dieser herrlichen Wirtschaft weiterführen. Vorher aber wollen Franz und Gabi das Feld für Anna und Martin räumen, immer vorausgesetzt, die zwei planen nichts anderes…! Herzlichen Glückwunsch Anna und Martin, das habt ihr in Eurer Zeitplanung gut hinbekommen, so kurz vor diesem Jubiläum! Was uns heute bleibt, ist ein Schmunzeln und die eine oder andere versteckte Träne: „Ja, es war eine liebe Zeit, die gute alte Zeit als in Bayern noch alles beim Alten war: Die Kirch beim Dorf, der Bürgermeister ein Zuagroaßter und der Wirt ein Schelm! Viel hat sich da nicht geändert, nur dass das Bier nicht mehr ganz so dunkel, die Menschen nicht mehr ganz so typisch, die Burschen mehr weibisch als schneidig und die Dirndln alles andere als sittsam sind. Aber so ist der Lauf der Dinge: Nur das Bier wird immer laufen aus den Hähnen dieses Hauses, und die Geschichten werden immer noch an den Stammtischen erzählt werden, ganz gleich ob sie stimmen oder nicht! Und ein wenig wird man immer die Zeit vergessen, wenn man dasitzt, selig und glücklich. Denn hier bleibt sie stehen, zumindest für ein paar Stunden im kleinen Glück – im Unterbräu!


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